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Ich schreibe mein Leben
Kriegsfolgen im Frieden. Frauen der Wende erzählen Familiengeschichten.

Wir wollen Geschichte(n) von Frauen hören, erzählen, wahrnehmen, wertschätzen. Das war eines der großen Anliegen bei der Gründung der Interkulturellen Frauen Netzwerk Universität Dresdens und ist es bis heute geblieben. An diesem Ort des Austausches und der Kreativität begegneten wir Autorinnen des vorliegenden Buches einander… und uns selbst.
Standen zunächst Themen aus der Zeit der Friedlichen Revolution 89/90 und aus der DDR-Zeit, die wir bunter und vielgestaltiger erlebt hatten, als häufig darüber berichtet wurde, im Zentrum unserer Gespräche, wurde uns bald deutlich, dass wir auch von Geschichte(n) geprägt waren, die wir gar nicht selber erlebt hatten: der Nazizeit und der Zeit zweier Weltkriege. Wir fragten uns: Was hatten unsere Großmütter und Großväter, unsere Mütter und Väter erlebt oder getan, wie haben diese oft verdrängten und verschwiegenen Ereignisse Leben, Ansichten und Erziehungsmethoden beeinflusst und welche ihrer Ängste und Verhaltensweisen haben sie bewusst oder unbewusst an uns, die Kriegskinder- bzw. Kriegsenkelgeneration weitergegeben?
Sechs Frauen stellen in sehr unterschiedlichen Texten die Ergebnisse ihres Rückblicks in ein Jahrhundert (ost)deutscher Geschichte vor. Entstanden sind faszinierende historische Dokumente, aber auch Berichte von Heilung. Heilung von Wunden, die vorhergegangene Generationen schlugen oder ihnen geschlagen wurden und die uns nach wie vor schmerzten.
„Wir hören einander in die Existenz hinein“, sagt die nordamerikanische Theologin Nelle Morton. Übertragen auf dieses Buch heißt das: Wir lesen uns selbst in ein neues Verstehen unseres Lebens.

Riedel-Pfäfflin, Ursula, Andrea Siegert und Heidrun Novy (Hrsg.): Ich schreibe mein Leben. Kriegsfolgen im Frieden. Frauen der Wende erzählen Familiengeschichten.
ISBN: 978-3-937772-28-8, 300 Seiten, 19,90 EUE


„Als ich im Jahr 1964 geboren wurde, lag das Ende des Zweiten Weltkrieges 19 Jahre zurück. Als ich zehn war, waren es schon 29 Jahre seit Kriegsende, das Dreifache des Lebens einer Zehnjährigen - also ewig. Mit mir, so schien mir, hatte der Krieg gar nichts mehr zu tun. Wir lebten in die Zukunft. Das Vergangene lag weit hinter uns. Die Bösen, d.h. die deutschen Faschisten, waren - so erfuhren wir - nach Westdeutschland geflüchtet und sie saßen dort wieder auf hohen Posten. Wir waren die Guten. Wir bauten ein Land auf, so hörten wir, in dem es keine Ausbeutung, kein Arm und Reich, kein Privateigentum gab. Wir lernten in der Schule, dass wir als Deutsche riesige Verbrechen an anderen Völkern zu verantworten hatten. Von deutschem Boden sollte nie wieder ein Krieg ausgehen. Dafür standen wir. Die Generation meiner Eltern sollte den Sozialismus aufbauen und meine Generation würde dann bereits den Kommunismus gestalten. Das war unser Auftrag. Mein Jahrgang 1964 war der geburtenstärkste Jahrgang in der deutschen Nachkriegsgeschichte im Osten wie im Westen. Wir waren 33 Kinder in der Schulklasse. Mein Name war einer der beliebtesten Namen für die 1964 geborenen Mädchen neben Kathrin, Annette und Sabine. Die häufigsten Jungennamen waren Thomas, Steffen, Michael und Frank. Wir waren immer viele. Uns gehörte die Zukunft…“